Teil 1: Fourier-Reihen

Worum geht es? Fourier behauptete 1822, dass jede Funktion als Summe von Sinus/Kosinus darstellbar ist. Dieses Kapitel formalisiert diese Behauptung: Wir definieren Fourier-Koeffizienten, Fourier-Reihen und untersuchen, wann die Reihe tatsachlich gegen $f$ konvergiert.

Kernidee

Die Exponentialfunktionen $\{e^{inx}\}_{n \in \mathbb{Z}}$ bilden ein Orthogonalsystem auf $[-\pi,\pi]$. Die Fourier-Koeffizienten $\hat{f}(n)$ sind die "Koordinaten" von $f$ bezuglich dieses Systems — wie Projektionen auf Basisvektoren.

Wichtigste Resultate

  • Def. 1: Trigonometrisches Polynom $p(x) = \sum_{n=-N}^{N} a_n e^{inx}$
  • Def. 5: Fourier-Koeffizienten $\hat{f}(n) = \frac{1}{2\pi}\int_{-\pi}^{\pi} f(x)e^{-inx}\,dx$
  • Satz 4: Ist $\{a_n\} \in \ell^1(\mathbb{Z})$, konvergiert die Fourier-Reihe absolut und gleichmassig
  • Satz 9: Eindeutigkeit — $\hat{f}(n) = 0$ fur alle $n$ und $f$ stetig bei $x_0 \Rightarrow f(x_0) = 0$
  • Satz 12: $\widehat{f'}(n) = in\hat{f}(n)$ (Ableitung $\leftrightarrow$ Multiplikation)
  • Kor. 14: $f \in C^2 \Rightarrow$ Fourier-Reihe konvergiert absolut und gleichmassig
$$\hat{f}(n) = \frac{1}{2\pi}\int_{-\pi}^{\pi} f(x)\,e^{-inx}\,dx, \qquad \int_{-\pi}^{\pi} e^{inx}\,dx = 2\pi\delta_{n=0}$$
Verbindungen

Satz 12 (Ableitung $\to$ Multiplikation) ist DER Schlussel zum Abklingverhalten: Je glatter $f$, desto schneller fallen die $\hat{f}(n)$ ab. Das Beispiel der Sagezahnfunktion ($\hat{f}(n) = (-1)^{n+1}/in$) zeigt langsames Abklingen — sie ist nicht differenzierbar. Satz 9 (Eindeutigkeit) wird spater mit den Summationsmethoden in Kap. 5 verstarkt.

Worum geht es? Wir brauchen einen geeigneten Abstandsbegriff fur Funktionen, um Konvergenz prazise zu formulieren. Die $L^1$-Norm misst den "durchschnittlichen Abstand" und erlaubt Konvergenz im Mittel. Auerdem: Jede integrierbare Funktion lasst sich durch stetige Funktionen approximieren.

Kernidee

$\|f\|_1 = \frac{1}{2\pi}\int_{-\pi}^{\pi}|f(x)|\,dx$ misst die "Groe" einer Funktion. Zwei Funktionen, die sich nur auf einer Nullmenge unterscheiden, haben Abstand 0 — deshalb arbeiten wir mit Aquivalenzklassen ("$f = g$ fast uberall").

Wichtigste Resultate

  • Def. 15: $L^1$-Norm: $\|f\|_1 = \frac{1}{2\pi}\int|f|\,dx$
  • Def. 16: Konvergenz im Mittel: $\|f_n - f\|_1 \to 0$
  • Lemma 17: Jede integrierbare Funktion kann in $L^1$ durch stetige, periodische Funktionen approximiert werden
  • Fubini-Tonelli: Vertauschung von Integrationsreihenfolge
Verbindungen

Lemma 17 ist ein technisches Werkzeug, das in Kap. 5 (Naherung im Mittelwert, Satz 36) entscheidend wird: Man zeigt Konvergenz erst fur stetige Funktionen und ubertrragt sie dann auf $L^1$. Die $L^1$-Norm ist schwacher als die $L^2$-Norm (Kap. 6) — $L^2$-Konvergenz impliziert $L^1$-Konvergenz.

Worum geht es? Die Faltung verbindet zwei Funktionen und ist das zentrale Werkzeug der Fourier-Analysis. Die entscheidende Entdeckung: Faltung im Zeitbereich = Multiplikation im Frequenzbereich. Auerdem wird hier das Konzept der "guten Kerne" (Approximation der Identitat) eingefuhrt.

Kernidee

$\widehat{f*g}(n) = \hat{f}(n)\cdot\hat{g}(n)$ — die Faltung verwandelt ein kompliziertes Integral in einfache Multiplikation. Die Partialsumme $S_Nf = f * D_N$ ist selbst eine Faltung! Eine "gute Folge von Kernen" ist wie ein immer scharferer Fokus, der $f$ am Ende perfekt rekonstruiert.

Wichtigste Resultate

  • Def. 18: $(f*g)(x) = \frac{1}{2\pi}\int f(y)g(x-y)\,dy$
  • Lemma 19: $S_Nf = f * D_N$ (Partialsumme als Faltung)
  • Satz 20: $\widehat{f*g}(n) = \hat{f}(n)\hat{g}(n)$, und $f*g$ ist stetig
  • Def. 22: Gute Folge von Kernen: (G1) normiert, (G2) beschrankte $L^1$-Norm, (G3) Konzentration um 0
  • Satz 23: Gute Kerne approximieren jede stetige Funktion
$$(f*g)(x) = \frac{1}{2\pi}\int_{-\pi}^{\pi} f(y)\,g(x-y)\,dy, \qquad \widehat{f*g}(n) = \hat{f}(n)\cdot\hat{g}(n)$$
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Die "guten Kerne" sind der Schlussel zu Kap. 5: Der Fejer-Kern ist ein guter Kern, der Dirichlet-Kern ist es NICHT (weil $\|D_N\|_1 \to \infty$). Das erklart, warum die Cesaro-Mittel ($f * F_N$) besser konvergieren als die Partialsummen ($f * D_N$). Die Faltungsformel wird auch in Teil 2 auf $\mathbb{R}$ ubertragen.

Worum geht es? Die direkte Fourier-Reihe konvergiert nicht immer (Satz 24!). Deshalb brauchen wir alternative "Summationsmethoden": Cesaro-Mittel (Fejer) und Abel-Mittel (Poisson). Beide konvergieren fur stetige Funktionen gleichmaig — die Fourier-Reihe selbst nicht.

Kernidee

Statt $S_Nf$ direkt zu nehmen, "glattet" man die Konvergenz: Cesaro mittelt uber die $S_Mf$ ($M = 0, \ldots, N-1$) und Abel dampft hohe Frequenzen mit $r^{|n|}$. Beide Methoden erzeugen gute Kerne — der Fejer-Kern $F_N \geq 0$ und der Poisson-Kern $P_r \geq 0$ — und konvergieren daher immer.

Wichtigste Resultate

  • Satz 24 (Du Bois-Reymond): Es gibt stetige $f$ mit $S_Nf(x_0) \not\to f(x_0)$!
  • Def. 25: Cesaro-Durchschnitte $C_N(f) = \frac{1}{N}\sum_{M=0}^{N-1}S_Mf = f * F_N$
  • Satz 27: Fejer-Kern $F_N = \frac{1}{N}\frac{\sin^2(Nx/2)}{\sin^2(x/2)}$, ist gute Folge
  • Kor. 28 (Fejer): Fur stetige $f$ konvergieren die Cesaro-Mittel gleichmaig
  • Kor. 35: Abel-Mittel $A_r(f) = f * P_r \to f$ gleichmaig fur $r \to 1^-$
  • Satz 36: $\|f * K_N - f\|_1 \to 0$ fur jede gute Kernfolge
  • Kor. 37: Eindeutigkeit: $\hat{f}(n) = 0 \;\forall n \Rightarrow f = 0$ f.u.
$$C_N(f)(x) = \sum_{|n| < N}\left(1 - \frac{|n|}{N}\right)\hat{f}(n)e^{inx}, \qquad A_r(f)(x) = \sum_{n} r^{|n|}\hat{f}(n)e^{inx}$$
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Satz 24 ist das "Negativresultat" — die Fourier-Reihe versagt. Die Losung sind die Summationsmethoden, die auf guten Kernen basieren (Kap. 4). Die Abel-Mittel fuhren direkt zur Losung der Laplace-Gleichung (Kap. 9). Der Fejer-Kern wird auch im Beweis der Gleichverteilung (Kap. 16, Weyl) verwendet.

Worum geht es? In $L^2$ konvergiert die Fourier-Reihe IMMER — ohne zusatzliche Voraussetzungen an $f$. Dies fuhrt zur Parseval-Identitat, die die "Energie" einer Funktion in Zeit- und Frequenzbereich gleichsetzt.

Kernidee

$S_Nf$ ist die beste Approximation von $f$ in $L^2$ unter allen trigonometrischen Polynomen vom Grad $\leq N$ (Lemma 39). Das ist wie die orthogonale Projektion in der linearen Algebra — Fourier-Koeffizienten sind die Koordinaten bezuglich einer Orthonormalbasis.

Wichtigste Resultate

  • Lemma 39 (Beste Annaherung): $\|f - S_Nf\|_2 = \min_{p \in \text{Trig}_N} \|f - p\|_2$
  • Satz 40: $\|S_Nf - f\|_2 \to 0$ fur alle $f \in L^2$
  • Parseval: $\frac{1}{2\pi}\int|f|^2\,dx = \sum|\hat{f}(n)|^2$
$$\frac{1}{2\pi}\int_{-\pi}^{\pi}|f(x)|^2\,dx = \sum_{n \in \mathbb{Z}}|\hat{f}(n)|^2$$
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Parseval ist das Analogon zum Satz des Pythagoras in $\infty$ Dimensionen. Es wird in Teil 3 zum Beweis der Isoperimetrischen Ungleichung (Kap. 15) verwendet. Plancherel (Satz 66) ist die Verallgemeinerung auf $\mathbb{R}$. Achtung: $L^2$-Konvergenz impliziert NICHT punktweise Konvergenz!

Worum geht es? Wann konvergiert die Fourier-Reihe punktweise? Ist $f$ Lipschitz bei $x_0$, dann ja (Satz 43). An Sprungstellen tritt das Gibbs-Phanomen auf: ~9% Uberschwingen, das nie verschwindet. Kap. 8 beweist das Negativresultat von Du Bois-Reymond (Satz 24).

Kernidee

Lokalisierungsprinzip (Kor. 45): Die Konvergenz von $S_Nf(x_0)$ hangt nur vom Verhalten von $f$ in einer Umgebung von $x_0$ ab — nicht vom globalen Verhalten! Lipschitz-Stetigkeit bei $x_0$ reicht fur Konvergenz. Das Gibbs-Phanomen zeigt: Fourier-Partialsummen uberschwingen an Sprungstellen um den Faktor $\frac{2}{\pi}\int_0^\pi\frac{\sin t}{t}\,dt \approx 1.18$.

Wichtigste Resultate

  • Def. 41: Lipschitz bei $x_0$: $|f(x)-f(x_0)| \leq C|x-x_0|$
  • Satz 43: $f$ Lipschitz bei $x_0 \Rightarrow S_Nf(x_0) \to f(x_0)$
  • Kor. 45: Lokalisierungsprinzip: Konvergenz hangt nur von $f$ nahe $x_0$ ab
  • Gibbs: Uberschwingen $\approx 18\%$ an Sprungstellen, Cesaro hat kein Gibbs!
  • Satz 24 (Beweis): Konstruktion via Sagezahnfunktion und $g(x) = \sum \frac{1}{k^2}g_k(x)$
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Satz 43 zeigt: $C^1 \Rightarrow$ Lipschitz $\Rightarrow$ punktweise Konvergenz. Das erganzt Kor. 14 ($C^2 \Rightarrow$ gleichmaige Konvergenz). Das Gibbs-Phanomen motiviert die Cesaro-Summation aus Kap. 5 — Cesaro-Mittel zeigen kein Uberschwingen ($\|C_Nf\|_\infty \leq \|f\|_\infty$).

Worum geht es? Das Dirichlet-Problem: Finde eine harmonische Funktion $g$ auf der Einheitsscheibe $D$ mit vorgegebenen Randwerten auf $S^1$. Die Losung nutzt die Abel-Mittel und den Poisson-Kern — eine elegante Anwendung der Fourier-Analysis auf partielle Differentialgleichungen.

Kernidee

Die Losung ist $g(re^{ix}) = \sum \hat{h}(n)r^{|n|}e^{inx}$ — genau die Abel-Mittel aus Kap. 5! Die Exponentialfunktionen $r^{|n|}e^{inx}$ sind harmonisch auf $D$, und die Reihe konvergiert weil $r^{|n|} \to 0$ fur $r < 1$. Fur $r \to 1^-$ nahern sich die Werte den Randdaten an (Kor. 35).

Wichtigste Resultate

  • Satz 46: Existenz und Eindeutigkeit der Losung des Dirichlet-Problems
  • Losung: $g(re^{ix}) = A_r(h)(x) = (h * P_r)(x)$ mit Poisson-Kern
$$g(re^{ix}) = \sum_{n \in \mathbb{Z}} \hat{h}(n)\,r^{|n|}e^{inx}, \quad \Delta g = 0 \text{ auf } D, \quad g = f \text{ auf } S^1$$
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Dies zeigt eine konkrete Anwendung der Abel-Summation (Kap. 5). Der Poisson-Kern verbindet Fourier-Analysis mit PDE-Theorie. Der Ubergang $r \to 1^-$ nutzt Kor. 35. Dies ist auch Motivation fur die Fourier-Transformation auf $\mathbb{R}$ (Teil 2).

Teil 2: Fourier Integrale

Worum geht es? Wir verlassen den Kreis ($[-\pi,\pi]$) und gehen auf ganz $\mathbb{R}$. Die Fourier-Transformation ersetzt die Fourier-Koeffizienten, die Schwartz-Funktionen $\mathcal{S}(\mathbb{R})$ sind der ideale Funktionenraum, und die Faltung auf $\mathbb{R}$ funktioniert analog zum periodischen Fall.

Kernidee

Auf dem Kreis: diskrete Frequenzen $n \in \mathbb{Z}$, Fourier-Koeffizienten $\hat{f}(n)$. Auf $\mathbb{R}$: kontinuierliche Frequenzen $\xi \in \mathbb{R}$, Fourier-Transformierte $\hat{f}(\xi) = \int f(x)e^{-2\pi ix\xi}\,dx$. Der Schwartz-Raum $\mathcal{S}$ ist perfekt, weil er unter FT, Ableitung, Polynom-Multiplikation und Faltung abgeschlossen ist. Die Gaufunktion $\Phi(x) = e^{-\pi x^2}$ ist Fixpunkt der FT: $\hat{\Phi} = \Phi$.

Wichtigste Resultate

  • Def. 47: $\hat{f}(\xi) = \int_\mathbb{R} f(x)e^{-2\pi ix\xi}\,dx$ mit $\|\hat{f}\|_\infty \leq \|f\|_1$
  • Satz 49: Translation $\leftrightarrow$ Modulation, Dilatation, Ableitung $\leftrightarrow$ Multiplikation
  • Def. 51: Schwartz-Funktionen: $C^\infty$ mit rapidem Abfall
  • Satz 54: $\widehat{f'}(\xi) = 2\pi i\xi\hat{f}(\xi)$, $\hat{f} \in \mathcal{S}$
  • Satz 55: $\hat{\Phi} = \Phi$ fur $\Phi(x) = e^{-\pi x^2}$
  • Satz 60: Faltungssatz: $\widehat{f*g} = \hat{f}\cdot\hat{g}$
  • Def. 61 + Satz 63: Gute Kerne auf $\mathbb{R}$, Approximation in $L^p$
$$\hat{f}(\xi) = \int_\mathbb{R} f(x)\,e^{-2\pi ix\xi}\,dx, \qquad \Phi(x) = e^{-\pi x^2}: \; \hat{\Phi} = \Phi$$
Verbindungen

Die Struktur spiegelt Teil 1: Def. 47 $\leftrightarrow$ Def. 5, Satz 60 $\leftrightarrow$ Satz 20, gute Kerne Def. 61 $\leftrightarrow$ Def. 22. Die Gaufunktion als FT-Fixpunkt ist zentral fur die Unscharferelation (Kap. 14) und den Beweis von Weierstra (Kap. 13). Lemma 62 ($K_\varepsilon(x) = \frac{1}{\varepsilon}K(x/\varepsilon)$) konstruiert gute Kerne aus einem einzigen Kern.

Worum geht es? Kann man $f$ aus $\hat{f}$ zuruckgewinnen? Ja — die Inversionsformel $f(x) = \int \hat{f}(\xi)e^{2\pi ix\xi}\,d\xi$ und der Satz von Plancherel zeigen, dass die FT eine Isometrie auf $L^2(\mathbb{R})$ ist.

Kernidee

Die Fourier-Transformation ist umkehrbar und erhalt die $L^2$-Norm: $\|f\|_2 = \|\hat{f}\|_2$. Das ist das Analogon zu Parseval auf $\mathbb{R}$ — keine Information geht verloren. Auf $\mathcal{S}(\mathbb{R})$ ist die FT sogar ein Isomorphismus (Satz 69).

Wichtigste Resultate

  • Satz 65: $f(x) = \int \hat{f}(\xi)e^{2\pi ix\xi}\,d\xi$ (fur $f, \hat{f} \in L^1$)
  • Satz 66 (Plancherel): $\int|f|^2\,dx = \int|\hat{f}|^2\,d\xi$
  • Satz 69: FT ist isometrischer Isomorphismus auf $L^2(\mathbb{R})$
  • Lemma 68: $\mathcal{S}(\mathbb{R})$ ist dicht in $L^p$ fur $p = 1, 2$
$$f(x) = \int_\mathbb{R}\hat{f}(\xi)\,e^{2\pi ix\xi}\,d\xi, \qquad \int_\mathbb{R}|f|^2\,dx = \int_\mathbb{R}|\hat{f}|^2\,d\xi$$
Verbindungen

Plancherel verallgemeinert Parseval (Kap. 6) von Fourier-Reihen auf die FT. Die Inversionsformel braucht $\hat{f} \in L^1$ — das ist nicht immer erfullt! Fur $\mathcal{S}$ kein Problem (Satz 54(iii)). Plancherel wird fur Shannon (Kap. 17) und die Unscharferelation (Kap. 14) gebraucht.

Worum geht es? Der Satz von Weierstra (1885): Jede stetige Funktion auf $[0,1]$ kann gleichmaig durch Polynome approximiert werden. Der Beweis im Script nutzt elegant die Faltung mit Gau-Kernen.

Kernidee

Man faltet $f$ mit dem Gau-Kern $K_\delta(x) = \delta^{-1}e^{-\pi x^2/\delta^2}$. Die Faltung $f * K_\delta$ ist eine $C^\infty$-Funktion, die $f$ approximiert. Dann approximiert man $K_\delta$ durch Taylor-Polynome — und erhalt so Polynom-Approximationen von $f$.

Wichtigste Resultate

  • Satz 70 (Weierstra): $\forall f \in C[0,1], \;\exists$ Polynomfolge $p_n$ mit $\|p_n - f\|_\infty \to 0$
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Der Beweis kombiniert Faltung (Kap. 4/11), gute Kerne (Kap. 11), und die Gaufunktion (Satz 55). Weierstra ist auch ein Spezialfall der Stone-Weierstra-Theorie. Im Kontext der Fourier-Analysis zeigt er, dass Polynome eine "Basis" fur stetige Funktionen bilden.

Worum geht es? Eine Funktion und ihre Fourier-Transformierte konnen nicht gleichzeitig stark konzentriert sein. Dies ist die mathematische Form der Heisenberg'schen Unscharferelation — mit Anwendungen in der Quantenmechanik.

Kernidee

Die "Verbreitung" $V(f) = \int x^2|f|^2\,dx$ misst, wie breit $f$ verteilt ist. Die Unscharferelation sagt: $V(\psi) \cdot V(\hat{\psi}) \geq \frac{1}{16\pi^2}$. Gleichheit nur fur Gau-Funktionen — sie sind die "scharfsten" Funktionen, die es gibt.

Wichtigste Resultate

  • Satz 71: $\int x^2|\psi|^2\,dx \cdot \int \xi^2|\hat{\psi}|^2\,d\xi \geq \frac{1}{16\pi^2}$ fur $\|\psi\|_2 = 1$
  • Gleichheit genau fur $\psi(x) = \alpha e^{-\beta x^2}$
  • Quantenmechanik: Position $\times$ Impuls-Unscharfe $\geq \frac{1}{4\pi}$
$$V(\psi) \cdot V(\hat{\psi}) = \int x^2|\psi|^2\,dx \cdot \int \xi^2|\hat{\psi}|^2\,d\xi \geq \frac{1}{16\pi^2}$$
Verbindungen

Nutzt Plancherel (Kap. 12) und die Eigenschaft $\widehat{f'} = 2\pi i\xi\hat{f}$ (Satz 54). Die Gaufunktion als Minimierer verbindet sich mit Satz 55 ($\hat{\Phi} = \Phi$). In der Physik: Wellenfunktionen in der Quantenmechanik unterliegen dieser Beschrankung — Ort und Impuls konnen nicht gleichzeitig exakt gemessen werden.

Teil 3: Anwendungen

Worum geht es? Unter allen geschlossenen Kurven mit gegebener Lange $L$ umschliet der Kreis die grote Flache. Der elegante Beweis von Hurwitz nutzt Fourier-Reihen und Parseval.

Kernidee

Man parametrisiert die Kurve $\gamma(t) = (x(t), y(t))$ nach Bogenlange, entwickelt $x, y$ in Fourier-Reihen, und wendet Parseval an. Die Bedingung $\|\gamma'\| = 1$ wird zu $\sum n^2(|a_n|^2+|b_n|^2) = 1$, und die Flache wird nach oben durch $L^2/(4\pi)$ beschrankt. Gleichheit nur wenn alle Koeffizienten fur $|n| \geq 2$ verschwinden — das ist genau ein Kreis.

Wichtigste Resultate

  • Satz 72: $A \leq \frac{L^2}{4\pi}$, Gleichheit nur fur Kreise
  • Beweis nutzt: Fourier-Entwicklung + Parseval + AM-GM-Ungleichung
$$A \leq \frac{L^2}{4\pi}$$
Verbindungen

Direkte Anwendung von Parseval (Kap. 6) auf ein geometrisches Problem. Zeigt die Starke der Fourier-Analysis: Ein Geometrie-Satz wird durch Frequenzanalyse bewiesen. Der Beweis ist ein Paradebeispiel fur die Prufung.

Worum geht es? Fur irrationales $\alpha$ sind die Bruchteile $\langle n\alpha \rangle = n\alpha - [n\alpha]$ gleichverteilt in $[0,1)$. Der Beweis nutzt Fourier-Analysis und den Satz von Fejer.

Kernidee

Gleichverteilt heit: $\frac{1}{N}\sum_{k=1}^{N}h(\langle k\alpha\rangle) \to \int_0^1 h(x)\,dx$ fur jede stetige $h$. Man zeigt dies erst fur $h(x) = e^{2\pi imx}$ (geometrische Reihe), dann fur stetige $h$ (Fejer-Approximation), dann fur Indikatorfunktionen (Sandwich).

Wichtigste Resultate

  • Satz 73 (Weyl): $\alpha \notin \mathbb{Q} \Rightarrow \{\langle n\alpha\rangle\}$ ist gleichverteilt in $[0,1)$
  • Beweisstrategie: Exponentialfunktionen $\to$ trigonometrische Polynome $\to$ stetige Funktionen $\to$ Indikatorfunktionen
Verbindungen

Der Beweis nutzt den Fejer-Kern (Kap. 5, Kor. 28) zum Approximationsschritt. Ein schones Beispiel fur die Anwendung der Fourier-Analysis in der Zahlentheorie. Fur rationales $\alpha$ ware die Folge periodisch, nicht gleichverteilt.

Worum geht es? Bandbegrenzte Funktionen (deren Fourier-Transformierte kompakten Trager hat) konnen aus Abtastwerten an diskreten Punkten exakt rekonstruiert werden. Dies ist die mathematische Grundlage der digitalen Signalverarbeitung.

Kernidee

Ist $f \in B_\Omega$ (Bandbreite $\Omega$), dann wird $f$ durch seine Werte $f(k/\Omega)$ an aquidistanten Punkten vollstandig bestimmt. Die Rekonstruktion erfolgt uber $\text{sinc}$-Interpolation. Die Stichprobenisometrie $\int|f|^2 = \frac{1}{\Omega}\sum|f(k/\Omega)|^2$ zeigt: Keine Information geht verloren!

Wichtigste Resultate

  • Shannon: $f = \sum_k f(k/\Omega)\,\text{sinc}_\Omega(\cdot - k/\Omega)$, Konvergenz in $L^2$ und gleichmaig
  • Stichprobenisometrie: $\|f\|_2^2 = \frac{1}{\Omega}\sum_k|f(k/\Omega)|^2$
  • Stabilitat: $\|f_1-f_2\|_2^2 = \frac{1}{\Omega}\sum_k|f_1(k/\Omega)-f_2(k/\Omega)|^2$
  • $\text{sinc}_\Omega(x) = \frac{\sin(\pi\Omega x)}{\pi\Omega x}$ mit $\text{sinc}_\Omega(k/\Omega) = \delta_k$
$$f(x) = \sum_{k \in \mathbb{Z}} f\!\left(\frac{k}{\Omega}\right)\frac{\sin(\pi\Omega(x-k/\Omega))}{\pi\Omega(x-k/\Omega)}$$
Verbindungen

Nutzt Plancherel (Kap. 12) und die Theorie bandbegrenzter Funktionen ($\hat{f}$ hat kompakten Trager $\subset [-\Omega/2, \Omega/2]$). Verbindung zur Praxis: CD-Qualitat (44.1 kHz Abtastrate = $\Omega = 44100$, maximal horbare Frequenz $\sim 22$ kHz). Die Abschatzung $|E_N(x)| \leq \sqrt{\Omega}\|E_N\|_2$ zeigt gleichmaige Konvergenz.